ELIAS BERLIN
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Elias Berlin | Leipziger Platz 9 | 10117 Berlin
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ELIAS BERLIN
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23.03.2006 / Berliner Zeitung / Linda Huijsmans
Maler am Kreuz
Die neue Galerie Elias erinnert an Heinrich Esser

Eine neue Galerie mit dem Werk eines völlig vergessenen Malers zu eröffnen, das erfordert Mut. Heinrich Esser gehört zur "verschollenen Generation" - zu jenen Künstlern, die im NS verfemt waren und danach nie mehr die Öffentlichkeit erhielten, die sie verdient hätten. Aber das ist nur ein Grund, warum die meisten Kunsthistoriker seinen Namen noch nie gehört haben. Die neu gegründete Galerie Elias widmet ihm nun ihre erste Ausstellung. Ihr Gründer Olaf Elias ist mit seinem Geschäft "Historische Bauelemente" in Marwitz bei Berlin schon seit 15 Jahren Kunstschatzjäger. Er reist durch ganz Deutschland und durchforstet alte Gebäude auf der Suche nach wiederverwendbaren Bauteilen. Auf einem Dachgeschoss einer alten Villa in Potsdam fand erzufälligerweise fast das ganze Werk Essers.

Für Elias war es der Anlass, einen alten Traum zu realisieren. Mit seiner Frau Hanin eröffnete er dieser Tage eine Galerie am Leipziger Platz. Dort zeigt uns Hanin Elias die Röntgenaufnahme einer Kreuzigungsszene. Darauf ist deutlich zu sehen, dass der Mann am Kreuz das Gesicht Essers trägt, in der Enfassung änderte der Maler das Antlitz vollständig. "Eigentlich sollten wir von allen seiner Gemälde eine Röntgenaufnahme machen. Leider fehlt uns dafür das Geld", so Elias. Inzwischen hat sich ein amerikanischer Sammler gemeldet, der die ganze Kollektion kaufen möchte. Aber Hanin Elias zögert noch, weil sie die Sammlung lieber in Deutschland wüsste, um sie hier weiter zu untersuchen und zu studieren. "Er starb 1985, aber sonst wissen wir fast nichts von Heinrich Esser. Wir kennen nicht den Namen seiner ersten Frau und wissen nicht einmal, ob er Kinder hatte".

Esser wurde 1895 im Rheinland geboren und kam kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Berlin. In den zwanziger Jahren taucht er als Maler eines expressiven Realismus auf. Er nannte sich "Derharri" und stellte 1925 in der Berliner Secession aus. Die Nazis verfemten ihn als "entartet" und drängten ihn in die innere Emigration. Auch in der DDR führte er eher ein Schattendasein. In den Fünfzigern leitete er auf Empfehlung von Otto Nagel einen Malzirkel in Friedrichshain, 1953 war er auf der dritten Dresdner Kunstaustellung zu sehen.

Essers Welt ist nicht schön. Seine Gemälde sind düster, die Menschen sehen leer aus, oft verzweifelt und hoffnungslos. "Als Künstler hat er immer versucht sich anzupassen. Das ist ihm nie richtig gelungen", sagt Hanin Elias. "Er hat zwar Bilder von Lenin und Stalin gemalt, aber die sehen immer ein bisschen krank aus, unglücklich, als ob sie zweifeln an der Welt. Ich finde es besonders interessant zu sehen, wie er seine Bilder immer wieder übermalt hat."

Fast nie hat Esser etwas verkauft. Deshalb behängte er die Wände zu Hause mit seinen Werken - was schließlich zu ihrer Rettung führte. Ein Sammler, der sich für die Grafik von Essers Frau interessierte, sah seine Bilder und kaufte sie alle. Der Nachlass strandete auf dem Dachboden seiner Villa in Potsdam. Dort entdeckte Olaf Elias ihn noch einmal - um ihn nun endlich an die Öffentlichkeit zu bringen. In seiner neuen Galerie will das Ehepaar "kontroverse" Kunst zeigen. Für den Herbst planen sie eine Ausstellung über Hitler als gescheiterten Maler.

"Wir möchten gerne zeigen, welche Bilder der Mann, der so viele Künstler als "entartet" bezeichnet hat, selbst eigentlich gemalt hat", sagt Hanin Elias. Sie ist sich bewusst, dass so eine Ausstellung sehr umstritten sein wird, aber das ist gerade ihr Ziel. "Ich glaube, die Zeit ist reif. Aber vielleicht irre ich mich und wir sind zehn Jahre zu früh. Wir werden sehn."

24.01.2006 / Oberhavel
Von einem, der an der Welt litt
Wiederentdeckt: Der Maler Heinrich Esser in der neuen Galerie Olaf Elias

KAREN GRUNOW

MARWITZ/BERLIN Der Leipziger Platz ist kein Ort zum Verweilen. Noch nicht. Denn dass dieser Platz in der neuen alten Mitte Berlins großes Potenzial hat, daran glaubt Olaf Elias. Der junge Unternehmer, der in Marwitz einen Handel mit historischen Bauelementen betreibt, hat hier, am Leipziger Platz 9, "genau im ehemaligen Todesstreifen", eine Galerie eröffnet. Und sich damit weit von den eigentlichen Kunstkiezen der Hauptstadt entfernt. Doch auch sein Angebot trennt ihn von jenen Galerien, denen weltweit beschieden wird, neue Kunsttrends anzuregen. Dabei sucht Olaf Elias gerade das internationale Publikum. "Architekturale Antiquitäten" nennt er, was er hier künftig zu zeigen gedenkt. Kostbarkeiten, die in seinem 20 000 Quadratmeter großen Lager in Marwitz übersehen werden könnten. Wie jene achteckige Wanne mit Löwenköpfen oder historische Öfen. "Das sind Objekte direkt aus der Berliner und der deutschen Geschichte", sagt Elias.

Das passt auch als Umschreibung von Heinrich Essers Oeuvre. Dem Maler ist die erste Ausstellung der Galerie Olaf Elias gewidmet. Der Tag vor Silvester wurde zum Stichtag für die Eröffnung. Essers 110. Geburtstag. Stets schuf er Porträts. Von Politikern, von Arbeitern, von sich selbst. Von Geliebten? Frauenporträts gibt es reichlich. Zeichen einer Phase scheint das häufiger gemalte Mutterglück zu sein. Die Frau als Madonna. Als Schlüsselbild deutet Olaf Elias "Weib mit Blume" von 1926. Auch hier taucht wieder Esser selbst auf. Die Frau auf dem Bild ist nackt, doch in den Blicken der vier Männer ist kein Begehren zu erkennen, nur Entsetzen.

Dem expressiven Realismus sind Essers Arbeiten zuzuordnen, jene aus den 20er Jahren ebenso wie die aus den 50er Jahren. Esser war einer, der "die Seelenlage des letzten deutschen Jahrhunderts", so begeistert sich Olaf Elias für die depressive Stimmung in den Bildern, erfassen konnte. Einer aus der verschollenen Generation, die ihre Schmerzen nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges auf der Leinwand austoben musste, dem nach Vergnügen lechzenden Volk einen nicht mehr erwünschten Spiegel vorhielt. Nach 1933 galt seine Kunst als entartet. In der DDR fehlte ihm der Wille zur Anpassung.

Röntgenaufnahmen zeigen, wie massiv Esser einige Bilder überarbeitet hat. Immer wieder muss er später eingegriffen haben, noch ein Gedanke mehr, der gezeigt werden muss? Die Leinwände hat er "als Lappen an die Wand genagelt". Heinrich Esser - ein Rasender, den der Moment trieb? Oder machte die Not des nur mäßigen Erfolges ihn zum Puristen? Lediglich in einer Diplomarbeit wurde Ende der 90er Jahre versucht, Heinrich Esser wissenschaftlich aufzufassen. Ein Werk wurde konkret besprochen. Der große Rest - unbekannt, kaum datierbar. Ein Potsdamer Sammler, der vor der Wende den Nachlass des 1985 in Potsdam verstorbenen Essers erworben hatte, bat Olaf Elias, die Arbeiten öffentlich zu machen. Beide hoffen nun auf einen potenten Interessenten, der gleich den gesamten Nachlass übernehmen würde.

Aussage und Vision, nicht jedoch die Form einer Sache hätten Esser beeinflusst. Das gefällt auch Hanin Elias, der Ehefrau des Galeristen. Sie selbst kümmert sich ebenfalls um die Galerie. Dabei ist auch ihr Leben turbulent: Als ehemalige Frontfrau der Band "Atari Teenage Riot" prägte sie einen eigenen Musikstil mit Noise. Die junge Mutter hat Musikgeschichte geschrieben und ist heute noch - als "Grand Dame des Noise" wie Kritiker sie gern bezeichnen - erfolgreich. "Mit viel Leidenschaft" sei sie nun bei dem neuen Projekt ihres Mannes dabei. Gerade Essers gemalte Stimmungen bieten ihr Identifikation, sagt sie. Schlagzeilen machten beide in letzter Zeit vor allem als künftige Mitbewohner von "Sommer vorm Balkon"-Star Nadja Uhl. Gemeinsam mit ihr und weiteren Interessenten kauften Elias' eine alte Villa in Potsdam, die nun saniert werden soll. Ohnehin wohnt die Familie mittlerweile in Brandenburgs Landeshauptstadt, unweit der künftigen Wohnstätte. "Wir haben die Villa verfallen sehen", sagt er. Also nutzen, pflegen, verwerten. Olaf Elias' Credo - eben nicht nur im Beruf. Auch das passt zu Esser, dessen von beiden Seiten bemalte Leinwände In der Mitte der 350 Quadratmeter großen Galerie hängen.

Es soll so sein, als ginge man auf einen Dachboden, erklärt Olaf Elias. Ein ungewöhnliches Interieur-Konzept so nah bei den mit Goldlüstern und historisierendem Prunk protzenden Hotels wie das Ritz Carlton oder das Adlon. Doch es ist wohl durchdacht: Hölzerne Bodenplatten markieren eine Art Laufsteg auf dem groben Beton, mit mediterranen Fliesen ist eine Sitzecke markiert. Seit dem Frühjahr habe er nach Räumen gesucht. Nun also am Leipziger Platz. Ein ungewöhnlicher Ort für, so Hanin Elias, all diese "patinierten, seelenhaften Dinge". Ein Experiment. "In der Gegend noch eine Pioniertat", lacht Olaf Elias.

Noch bis zum 31. März sind die Arbeiten Heinrich Essers in der Galerie von Olaf Elias am Leipziger Platz 9 in Berlin-Mitte zu sehen, täglich von 16 bis 20 Uhr.